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4. Kommentare zu ausgewählten Veranstaltungen

Die Kommentare zu den folgenden Einzelveranstaltungen geben meine persöliche Einschätzung wider. Ich bin mir bewußt, daß andere Teilnehmer durchaus einen anderen Eindruck gewonnen haben können.

4.1 Tutorial: KDE Programmierung

Matthias Ettrich und Kalle Dalheimer führten dieses Tutorial in den Räumen der Firma ioS, Puhlheim durch. Für die ca. 16 Teilnehmer standen 8 Linux Workstations für den praktischen Teil zur Verfügung.

Als Gäste waren Warwick Allison und Arnt Gulbrandson von Troll Tech. anwesend.

Kalle Dalheimer gab eine ca. einstündige Einführung in die Konzepte von Qt, dem C++-Toolkit, das KDE zugrunde liegt.

Matthias Ettrich erklärte noch einmal ausführlicher den Signal/Slot-Mechanismus von Qt (d.h. die Implementierung von Callbacks in Qt).

Danach wurden anhand von zwei vorbereiteten Beispielen zwei Mini-Applikationen für KDE erstellt: KLess (ein Dateilister) und KAnim (ein Bild-Animations-Tool).

Beeindruckend ist auf jeden Fall, wie schnell das Grundgerüst für eine KDE-Anwendung gebaut ist und die Funktionalität, die sofort zur Verfügung steht:

Die KDE Umgebung lässt auch ungeübte (C++) Programmierer besonders schnell Anfangserfolge erzielen. So erklärt sich sicher zum großen Teil die Menge an Leuten, die an/für KDE arbeiten.

Matthias und Kalle können ihr enormes Wissen und Fähigkeiten sehr verständlich vermitteln.

Auf die grundsätzliche Kritik, die an KDE zunehmend geübt wird, gehe ich weiter unten näher ein.

4.2 Theodore Ts'o: Development in EXT2FS

Theodore Ts'o gliederte seinen wie immer vorbildlich vorbereiteten Vortrag in zwei Teile.

Im ersten Teil wurde kurz auf die Implementierung seines resize2fs eingegangen, das als GPL SW bereits zur Verfügung steht. Damit ist es jetzt möglich, ext2 Filesysteme - dem Standard Linux Filesystem - in der Grösse zu verändern. Das FS muß dazu offline sein , d.h. unmounted. Auf die dabei zu beachtenden Probleme (ggf. Verändern der Group Descriptor Blocks bzw. Inode Tables) wurde ausführlich eingegangen.

Theodore Ts'o gab außerdem bekannt, daß er als Auftragsarbeit für die Firma PowerQuest an der Integration von resize2fs in PartitionMagic arbeitet. In der Version 4.0 - voraussichtlich im nächsten Jahr - ist mit der Unterstützung von ext2 FS zu rechnen.

Im zweiten Teil wurden dann die ersten Überlegungen zur Implementierung von Binary Tree Structures für das ext2fs vorgetragen. Binary Trees versprechen für bestimmte Anwendungsfälle große Performance-Gewinne. Dies betrifft z.B. Partitionen für News- bzw. Mail-Spool-Bereiche. Grundsätzlich profitieren alle Anwendungsbereiche, die mit großen Verzeichnissen arbeiten. Durch die Binary Tree Implementierung können Directory-Lookups wesentlich schneller erfolgen.

4.3 D. Jeff Dionne: Linux without MMU

Jeff Dionne gehört dem Entwickler-Team an, das an der Portierung von Linux auf Systeme ohne MMU (Memory Management Unit) arbeitet. Z.Z. werden Derivate von Motorola MC68000 CPUs unterstützt.

Gemeinsam mit Kenneth Albanowski hat er Linux auf einen 3Com PalmPilot mit TRG SuperPilot Board und einem Custom Boot Loader portiert.

4.4 David S. Miller: Cobalt Microserver

David Miller - bekannt vor allem durch seine Portierung von Linux auf Sparc-Systeme - stellte seine Optimierungs-Strategien bei der Portierung von Linux auf Sparc bzw. MIPS vor.

Prinzipiell handelt es sich dabei um optimierten Assembler-Code für spezielle Gebiete wie z.B. IP-Checksummen-Berechnung. Die dabei zu erreichenden Performance-Gewinne wurden vorgestellt und verglichen.

Als Fazit sieht David Miller die Erkenntnis, daß entgegen vorherrschender Meinung auch für heutige hochperformante CPUs eine Optimierung an ausgewählten Stellen durchaus signifikante Performance-Gewinne bringen kann.

4.5 Social Event: food, drink and talk

Am Abend des ersten Kongreß-Tages findet traditionell dieses "social event" statt. Eine einmalige Gelegenheit mit all den wichtigen Leuten bei einem - oder mehreren - Bier zu fachsimpeln. Auch dieses Jahr wieder ein voller Erfolg...

4.6 Emanuel Pirker: IEEE-1394 FireWire

Bei IEEE-1394 handelt es sich um einen Highspeed Seriellen Bus, der in erster Linie zur Anbindung von Multimedia-Geräten von Apple entwickelt wurde. Diese Technologie ist deshalb interessant, da sie außer einem asynchronen Modus auch einen isochronen Modus erlaubt, der eine garantierte Bandbreite zur Verfügung stellt.

Als Host-Adapter wird ein "1394-to-PCI" Adapter benötigt. Sowohl Adaptec als auch TI stellen solche Adapter her. Bisher wurde ein Treiber für den Adaptec-Chipsatz realisiert.

Erste Geräte, die nicht aus dem Multimedia-Umfeld stammen, kommen langsam auf den Markt (z.B. HDD, DVD, CDROM).

Auf der ToDo-Liste stehen an erster Stelle:

4.7 Bruce Perens: Electric Fence

Theoretische und paraktische Vorstellung des Debugging Tools "Electric Fence". Es handelt sich um eine Bibliothek, die während der Entwicklungsphase zur Anwendung zugelinkt wird und Speicher-Probleme zur Laufzeit erkennt.

Stichworte: CheckerGCC (GPL), Purify (kommerziell)

4.8 Matthias Ettrich: Multi Toolkit Programming

Am Beispiel von Gimp (GNU Image Manipulation Program) stellt Matthias den Weg vor, wie ein Anwendungsprogramm von einem verwendeten Toolkit (hier Gtk) auf ein anderes portiert werden kann (hier KDE bzw. Qt) und zu jeder Phase während der Portierung ein lauffähiges Programm zur Verfügung steht.

Technisch eine ausserordentliche Leistung, die z.T. durch die in jüngster Vergangenheit durchgeführten Portierungen von Netscape zu QtScape und LyX zu KLyX zu erklären ist.

Am Schluß des Vortrags wird die portierte Anwendung auf einem KDE Desktop vorgeführt.

Problematisch finde ich - ungeachtet der technischen Leistung - die gewählte Herangehensweise. Obwohl Gimp GPL SW ist und damit natürlich von jeder Person verändert werden kann/darf, würde ich es für angebracht halten, vorher mit dem Gimp-Entwicklerteam abzusprechen, wie die weitere Arbeit an Gimp aussehen soll. Wird es eine offizielle KDE Version von Gimp geben? Wie sieht die weitere Entwicklung aus wenn zwei getrennte Linien vorhanden sind? Bugfixes? ...

4.9 Miguel de Icaza: The GNOME Project

Das GNOME Desktop Projekt (GNU Network Object Model Environment) steht in gewisser Konkurrenz zu KDE. Die Entwicklung daran hat vor einem knappen Jahr begonnen und hinkt deshalb in der Funktionalität und Stabilität etwas hinter KDE her.

Grundlage von GNOME ist das X-Window Toolkit Gtk. Dieses wurde ursprünglich für Gimp (GNU Image Manipulation Program) entwickelt. Es ist überwiegend in C geschrieben, Teile davon sind in C++, Objective-C und Scheme realisiert. Die Sprach-Unabhängigkeit wird vom GNOME-Team als besonderer Vorteil herausgestellt.

Im Gegensatz zu KDE setzt GNOME vollständig auf die GPL bzw. LGPL Lizenz und kann deshalb für sich in Anspruch nehmen, das einzige Unix-Desktop zu sein, das ausschließlich auf Freier Software basiert.

U.a. dieser grundsätzlicher Unterschied zwischen KDE und GNOME führte in der Abschluß-Diskussion zu teilweise heftigen gegenseitigen Vorwürfen.

4.10 Kalle Dalheimer: KDE, The Second Year

Kalle Dalheimer stellte einige der wichtigsten Neuerungen bzw. Events von KDE des vergangenen Jahres vor. Dazu gehören vor allem die Internationalisierung (KDE ist mittlerweile in 23 Sprachen verfügbar!), das Entwicklertreffen KDE One vom August 1997, bei dem sich die Mitglieder des Core-Teams zum ersten Mal persönlich für einige Tage getroffen hatten (Kalles Fazit: Email alleine genügt nicht).

Abschließend wurde noch die KDE-FreeQt Foundation erwähnt. Diese Organisation wurde gemeinsam vom KDE Team und Troll Tech (dem Hersteller von Qt) gegründet, um der zunehmenden Kritik an den Lizenz-Bedingungen von Qt etwas entgegenzusetzen.

4.11 Final Panel Board Discussion: KDE vs. GNOME

Als Diskussions-Teilnehmer waren auf dem Podium vertreten:

Die Diskussionsteilnehmer hatten jeweils ca. 10 Min. Gelegenheit ihre Standpunkte darzulegen bevor zur Diskussion mit dem Plenum übergegangen wurde.

Die Meinungsverschiedenheiten der beiden Projekte konnten dabei natürlich nicht ausgeräumt werden. Das KDE Team sieht in der Lizenz, die Qt zugrunde liegt, keinen Hinderungsgrund, dieses C++-Toolkit zur Grundlage ihres Desktop zu machen. GNOME hat sich konsequent der Idee von Freier Software (neu: Open Source) verschrieben. Bruce Perens brachte meiner Meinung nach zusätzliche Argumente, die für GNOME sprechen, z.B. Offenheit gegenüber einem Nachfolger für X-Window (nicht unwesentlich nachdem sich das X-Consortium aufgelöst hat, die Rechte an X an die OpenGroup übergeben hat und diese nichts anderes zu tun hatte, als die freie Verfügbarkeit von X einzuschränken).

Grundsätzlich war ich über die Plazierung dieser - sicherlich notwendigen - Diskussion am Ende des Kongresses nicht glücklich. Besser wäre der erste Tag gewesen, dann wäre noch genügend Zeit gewesen, um die Wogen abends beim Bier wieder ein wenig zu glätten.

4.12 After Hour: Kölsch und Klönen bei O'Reilly

Nach Abschluß des offiziellen Kongreß-Teils hatte der Verlag O'Reilly zum zwanglosen Klönen in die Verlagsräume eingeladen. Die meisten der Teilnehmer waren bereits abgereist, so daß sich lediglich ca. 50 Personen einfanden.

Zum Ausklang fand ich dieses Treffen sehr gelungen.


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