TeX Users Group Meeting and Conference 2000

Kommentare zu einzelnen Vorträge

NTS: New Typesetting System; The NTS Team

Philipp Taylor und Karel Skoupý stellten den aktuellen Entwicklungsstand von NTS (New Typesetting System), dem geplanten Nachfolger von TeX, vor.

Im ersten Teil ging Philipp Taylor auf die Historie und den Hintergrund von NTS ein. Der Projektfortschritt wurde als sehr gut bezeichnet, bis auf wenige Probleme ist die Implementierung abgeschlossen. Ein Alphatest mit ausgewählten Anwendern läuft gerade an. Die permanenten Finanzierungsprobleme wurden ebenfalls angesprochen. Z.Z. reichen die vorhandenden Mittel wohl gerade bis zu Jahresende. Frank Mittelbach brachte in der anschließenden Diskussion den Einwand, dass ohne entsprechende Unterstützung einer offiziellen Forschungsinstitution eine kontinuierliche Arbeit nur schwer möglich sein wird.

Im zweiten praktischen Teil führte Karel Skoupý NTS am Beispiel des TeX-Book von Donald Knuth vor. Die resultierende DVI-Datei (ca. 500 S.) ist noch nicht zu 100 % kompatibel zu der Original-TeX-Version.

Die Performance läßt noch sehr zu wünschen übrig, so ist NTS bis zu 100 mal langsamer als TeX! Allerdings wurde noch keine Arbeit in Optimierung investiert, obwohl einige Problemstellen bereits benannt werden können.

Sowohl im Vortrag als auch in der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass ernsthaft daran gedacht wird, den gewählten Weg, Java als Implementierungssprache zu verwenden, in Frage zu stellen! Die Performanceprobleme sind dabei nur ein Punkt. Karel äußerte auch die Ansicht, dass Java einen objektorientierten Ansatz nicht gut genug unterstützt. Als Kandidaten für die angedachten Programmiersprachen kommen wohl Eiffel und ObjectiveC in Frage (an C++ denkt aufgrund fehlender Features wie z.B. Garbage Collection wohl niemand ernsthaft).

In den Preprints zum Kongress findet sich ein sehr gutes 14-seitiges Papier zu NTS.

Ich fand es äußerst interessant zu sehen, dass NTS bereits weitgehend funktioniert, nachdem nun bereits solange davon geredet bzw. darüber geschrieben wird.

Offizieller Empfang

Am Sonntag abend fand der offizielle Empfang in der Hall des Colleges statt. Sekt, O-Saft und Häppchen erleichterten das Kennenlernen der Teilnehmer in der etwas düsteren Umgebung.

A Device Independent DVI Interpreter for Various Output Devices; Hirotsugu Kakugawa

Ein beachtenswerter Ansatz um es Anwendungs-Programmen auf einfache Weise zu ermöglichen, mit DVI-Dateien umzugehen.

Als Beispiele existieren bereits mehrere Previewer, Druckertreiber, Fontlister, dvi2img Konverter, etc.

Developing Interactive, Web-based Courseware; Donald W. DeLand, Greg Faron

Basierend auf IBMs Techexplorer wurde ein interaktives System zur Eingabe von mathematischen Formeln, etc. vorgestellt.

Obwohl das System grundsätzlich funktioniert, ist es sehr langsam und noch fehlerhaft, so dass zwischenzeitlich immer wieder der Browser neu gestartet werden musste.

pdfTeX - Past, Present and Future; Hans Hagen, Sebastian Rahtz, Hàn Thê Thành, Erik Feambach, Ed Cashin, Berend de Boer

Hans Hagen und Sebastian Rahtz gaben eine kruze Einführung in PDF sowie einen geschichtlichen Rückblick auf pdfTeX (ab ca. 1996).

Erik Frambach ging in seinem Vortrag näher darauf ein, wie Fonts in pdfTex eingebunden werden können.

Hàn Thê Thành führte anhand detaillierter Beispiele vor, wie weitere Verbesserungen bei der Ausgabe mit pdfTeX erreicht werden können. So werden z.B. mit marginal kerning für bestimmte Satzteile bzw. Zeichen am Zeilenanfang und/oder am Zeilenende zusätzliche Veränderungen in der Breite durchgeführt (Größenordnung 3%).

Solch ein 'optischer Randausgleich' (Zitat von Heiko Oberdiek) läßt sich mit folgenden Anweisungen ereichen:



Hans Hagen glänzte mit dem Thema Grafikeinbindung in pdfTex und erstaunte die - eigentlich fachkundigen - Zuhörer, was alles mit ConTeXt möglich ist.

Ed Cashin führte Beispiele an, wie pdfTeX in einen Arbeitsprozess eingebunden werden kann (Erstellung von recht komplexen PDF-Formularen on the fly aus webbasierter Formular-Eingabe).

Hans Hagen einmal mehr mit interaktiven PDFs durch Einbindung von JavaScript.

Berend de Boer erklärt sein neues System zum Postprocessing von PDF zur Erzeugung von HTML.

Hàn Thê Thành schloß am Nachmittag den PDF Block ab. Die Entwicklung von pdfTeX sei prinzipiell abgeschlossen. Er wird in nicht allzu ferner Zukunft nach Vietnam zurückkehren, erklärte aber eindeutig seine Absicht, pdfTeX weiter zu supporten. Auf die gezielte Nachfrage von Philipp Taylor, ob er sich eine gezielte Unterstützung der TeX-Community wünsche, ging er leider nicht ein - zumindest nicht öffentlich.

TeX Users Group Annual Meeting

Dies war sozusagen die offizielle Mitgliederversammlung der TeX Users Group. Neben einem Tätigkeitsbericht der Vorsitzenden (Mimi Jett) gab es einen Finanz-Bericht, sowie Hinweise über die Arbeit des Office (Kongressplanung, etc.).

Da in den kommenden Jahren mehrere Posten des Board of Directors zur Wahl anstehen, wurden die Teilnmehmer zu aktiver Mitarbeit angehalten.

Omega Version 2; John Plaice

John Plaice präsentierte eine wirklich beeindruckende Demonstration der Fähigkeiten von Omega anhand eines Dokumentes mit englischem, japanischem, chinesischem und uighurischem Text.

Ein Anwendungsfall, der nichts mit der eigentlichen Intention von Omega zu tun hat, war die Benutzung von Hooks, die es erlauben, den Text in verschiedenen Bearbeitungsstufen mittels Skripten zu beeinflussen. Vorgeführt wurde eine Art Spellchecker, der unbekannte Wörter farbig darstellt.

xmltex: A non validating (and not 100%per; conforming) namespace aware XML parser implemented in TeX; David Carlisle

David Carlisle stellte nach einer grundsätzlichen Einführung in XML, einschließlich Namespaces, seinen nicht-validierenden XML-Parser xmltex vor.

Passive TeX: XSL processing using TeX; Sebastian Rahtz, Michel Goossens

Sebastian Rahtz hat mit seinem Passive TeX ein Anwendungsbeispiel für xmltex geschaffen und dabei zugleich die Toolkette zwischen XML-Dokumenten, XSL-Stylesheets, Formatting Objects und hochwertiger Druckausgabe (einschließlich PDF) geschlossen.

Berücksichtigt man die Diskussionen der letzten Monate um DocBook und jadetex sowie die Begeisterung von Sebastian Rahtz und David Carlisle bzgl. XML, so gehe ich nun endgültig davon aus, dass der Weg von SGML/XML zu hochwertiger Druckausgabe in naher Zukunft nur über XML-Dokumente - XSL-Stylesheets - Passive TeX führen wird (zumindest in der Welt der Freien Software). Jeglicher Versuch, Sebastian Rahtz zu einer Weiterentwicklung von jadetex zu überreden, wird wohl nicht erfolgreich sein. Auch Norman Walsh, der Autor sowohl der DSSSL- als auch der XSL-Stylesheets zu DocBook, zeigt meiner Meinung nach wesentlich mehr Aktivitäten in Richtung XML/XSL.

Damit werden wir wohl noch eine Weile mit zwei nicht zur vollen Zufriedenheit funktionierenden Welten leben müssen (SGML/DSSSL/jadetex gegenüber XML/XSL/xmltex).